Trauerkaffee
"Es war eine schöne Leich’...!" sagten die Alten früher auf dem Dorfe, wenn sie von einer Beerdigung und dem anschließenden Leichenschmaus zurückkamen. Sie hatten den Daheimgebliebenen viel zu erzählen: Neuigkeiten aus anderen Dörfern, manchmal sogar von denen, die in die entfernte Stadt gezogen waren. Man erfuhr von Sterbefällen, Hochzeiten und Streitigkeiten, von der letzten Ernte und den Mühen und Freunden des Alltags.
Und man erzählte lebendig und farbenfroh die eine oder andere Begebenheit aus dem Leben des Verstorbenen, den man soeben gemeinsam zu Grabe getragen hatte. Der Leichenschmaus – Schnittstelle zwischen Abbruch und Neubeginn, Vergangenheit und Zukunft, Trauer und Erinnerung.
Diese Gelegenheit ist ein wichtiger Punkt des sozialen Lebens. Hier stärkt sich die Gemeinschaft; der Einzelne bekommt die Bestätigung, dazu zu gehören und nicht alleine zu sein. Informationen und Neuigkeiten werden getauscht, Freude und Leid geteilt, Schicksalsschläge und der unergründliche Ratschluss Gottes gemeinsam getragen.
Bei einer solchen Feier holt man sich Kraft und Ermutigung für die womöglich lange Zeit bis zum nächsten Anlass, zusammenzukommen.
Besonders die Beerdigungen bieten die Möglichkeit, sich seiner Wurzeln bewusst zu werden, woher man kam, wohin man ging. Der Einzelne fühlt sich eingebunden in die Familie und Tradition. Tod und Sterben gehört zum Leben, ebenso wie Atmen, Essen und Trinken. Menschen kommen und gehen und beides soll rechtschaffen begangen werden.
In der heutigen Zeit sind diese Abläufe und Zusammenhänge weitgehend verloren gegangen. Die auch im Hinblick auf den Trauerprozess sinnvolle und notwendige Zeitspanne des Trauerjahres erscheint viel zu lang. Das Leben muss schnell wieder seinen normalen Ablauf und Rhythmus finden; der einzelne Mensch muss zügig wieder funktionieren. "Das Leben muss ja schließlich weitergehen."
Auf diese Weise wird den Trauernden die Möglichkeit genommen, selbst den Zeitpunkt zu finden, an dem ihnen eine Rückkehr in die normale Gesellschaft mit ihrem Zeitmaß und Alltagstempo möglich ist.
In den Dörfern des Westerwaldes wird übrigens bis heute der Leichenschmaus "Trösterich" genannt.